Wer hat den Längsten?

Beim Blick in Foren und Facebook-Gruppen, die sich mit alten Objektiven (Remember: Wir sagen NICHT „Altglas“. NIEMALS!) befassen, fällt auf: Brennweiten über 75 – 85mm spielen eine verhältnismäßig geringe Rolle, auch wenn William Mustafa das Takumar 85mm abfeiert wie geschnitten Brot. Sei es bei den Bildern, sei es bei den angebotenen Objektiven, deren Preis sich zudem oft in den unteren Regionen bewegt – die „kurzen“ haben in der Regel das Prä. Darum also heute: Drei lange manuelle Festbrennweiten im Vergleich.

Über die Gründe für die Vernachlässigung der “Langen” kann spekuliert bzw. Vermutungen angeboten werden: 

  • Konstruktionsbedingt ist die Abbildungsleistung – die bei fast allen alten Objektiven im Vergleich zu modernen Konstruktionen schwächelt – möglicherweise noch schlechter als bei kurzen Brennweiten.

  • Die Einsatzgebiete langer Brennweiten wie Porträt und Landschaft erfordern eine gewisse Schärfe, die die alten Objektive nicht bringen.

  • Insbesondere die großen Brocken sind schwer zu handhaben, und verwicklungsfreie Aufnahmen mit Offenblende sind trotz Bildstabilisator der Kameras nur schwer möglich. Denn nicht vergessen: Dein Objektiv mag lang und schwer sein – mit dem Adapter wird es immer noch länger und schwerer. 

Aber das sind, wie gesagt Vermutungen, wer andere und bessere Ideen hat, immer her damit.

Um zu sehen, ob man mit den langen Brennweiten dennoch was anfangen kann, und wie sie sich überhaupt machen, darum heute mal ein kleines Shoot Out zwischen einem

Super Takumar 105mm, 2.8

Weltblick 135mm, 2.8

Soligor 200mm 2.8

Der Versuchsaufbau für den Vergleich verzichtet völlig auf Siemenssterne (größte Pest ever, btw.), sondern nimmt als Modell Florian, den freundlichen Teddy von nebenan. Maßgeblich war die Nahgrenze des 200mm, die etwa bei 2 Metern liegt. Von dort habe ich – auf dem Stativ (wenn es interessiert, welches es war: Dies hier ist eine affiliate-freie Zone!) – eine klassische Blendenreihe von 2.8, 5,6, 8 und 11 aufgenommen. Kamera: Sony Alpha 7/III. Was sonst. Belichtungszeit war stets 1/1000, ISO auf Auto.

Anschließend wurde das Ganze wiederholt, und sowohl beim 105 als auch beim 135 die Naheinstellgrenze als Distanz gewählt. So, und jetzt jemand meckert: Ja, das ganze könnte auch anders getestet werden. Hier passiert es eben so. End of story.

Super Takumar 105mm 2.8

Hergestellt in Japan, bei Ebay Kleinanzeigen gefunden, und gekauft, nachdem es in einigen Foren als interessantes Porträt-Objektiv mit nicem Bokeh beschrieben wurde. Nun ist Boke sicherlich der überstrapazierteste Begriff ever und Gottes Rache an allen Canon-Fotografen. Aber: Ehe man einen Haufen Geld für ein modernes 105er oder ähnliches ausgibt, lässt sich mit einem alten, manuellen Objektiv  für einen Bruchteil der Summe testen, ob das überhaupt eine Brennweite ist, die einem taugt.

Super Takumar 105mm 2.8- die Bilder

Die Bilder sind von f2.8 bis f11 angeordnet. Das Super Takumar bietet zwischen 4 und 5.6, 5.6 und 8. sowie zwischen 8. und 11. noch eine halbe Blendenzwischenstufe, die ebenfalls hier zu sehen sind.

Und hier nochmal das ganze in möglichst geringer Distanz.

Wie bei (fast) allen Objektiven nimmt die Schärfe deutlich zu, kaum das man die Offenblende aufgibt. Ab 5.6, vielleicht sogar ab 4.8 nimmt sie kaum noch merklich zu, einzig der Hintergrund gewinnt an Schärfe. Eine Vignettierung war bei keinem der Blendenstufen sichtbar – das muss jetzt einfach mal geglaubt werden, denn die Bilder sind natürlich alle gecropped (aber nicht weiter bearbeitet, es sei denn, man will den Weg von Sonys RAW-Format über DNG hin zu JPG als Bearbeitung bezeichnen).

Super Takumar 105mm 2.8 – Pros und Cons

Pros

Es ist von allen hier verglichenen Objektiven das, das sich am ehesten handlen lässt. Auch der Adapter trägt nicht sonderlich auf. Focus-Peaking funktioniert einwandfrei, eine gewisse Kontrastschwäche muss in der Post (MERKE: FIIP – „Fix it in post“ ist bei der Arbeit mit alten Objektiven das A und O, und wer etwas anderes behauptet lügt und wird mit zwei Stunden Jaworskyi bestraft) ausgeglichen werden) ausgeglichen werden.

Cons

Eigentlich keine.


Weltblick 135mm 2.8

Auch das stammt von Ebay Kleinanzeigen – „Nur dort können Gentlemen kaufen“ (Hans Gruber) – und stand lange in Konkurrenz zu einem Soligor mit der gleichen Brennweite. Denn ganz ehrlich: Allein wegen der Namens hat es verdient, behalten zu werden. Außerdem erschien das Weltblick einen Ticken schärfer, und darum… Anders als die anderen wurde dieses in Korea produziert. Whatever that means. 

Auch hier ging es darum, auszutesten, ob die Brennweite generell funktioniert oder nicht. Mittlerweile tut sie es.

Weltblick 135mm 2.8 – Die Bilder

Auch hier folgen die Bilder der Blendenreihe. Das Weltblick bietet keine Zwischenstufen, so dass es hier bei 2.8 los geht und bei 11 endet.

Und hier das ganze nochmal, diesmal an der Nahstellgrenze des Objektivs.

Tatsächlich gibt es hier eine leicht Vignettierung, die mit zunehmend geschlossener Blende natürlich verschwindet. Die Schärfe nimmt ab 4.0 zu, und viel weiter muss man auch nicht gehen, legt man auf einen Hintergrund Wert, der diesen Namen verdient. Deutlich sichtbar wird dies an den Flecken auf dem Stuhl (nicht dem Objektiv und nicht dem Sensor).

Weltblick 135mm – Pros und Cons

Pros

Auch das lässt sich, trotz der relativen Länge, gut beherrschen, und auch das Focus-Peaking funktioniert inkl. Lupenfunktion, und auf die kommt es hier wirklich an.

Cons

Der Regelweg zum Fokussieren kommt einem ziemlich lang vor. Man schwurbelt im Zweifelsfall einige Zeit an dem Ding rum, bis man es scharf gestellt hat.


Soligor 200mm 2.8

Wer es lang und hart mag, ist hier richtig. Manuelle 200mm mit einer durchgehenden Offenblende von 2.8 ist eine Ansage (aus Japan). Nach einigen Monaten hat sicher herausgestellt: Es ist eine Ansage, aber leider eine ziemlich sinnfreie, und erfreulicherweise kommen andere zu einem ähnlichen Ergebnis.

Dieses Objektiv ist der Klops der Klopse. Mit Adapter kommt es auf eine Länge von, und es wiegt einiges. Leicht immer noch im Vergleich zu einem Sigma 50mm 1.8 Art, schon klar, und noch weniger im Vergleich zu modernen 70-200ern. Aber die haben alle Autofocus und IBIS und einen tollen Karton und gleichen darum gewisse Handlingprobleme selbst aus. Das Soligor 200mm tut das nicht. 

Soligor 200mm 2.8 – Die Bilder

Die Bilder sind bereits an der Nahgrenze des Objektivs aufgenommen, darum gibt es hier nur ein Set. Und irgendwann ist ja auch mal gut mit den Teddies. Wie das Takumar bietet auch das Soligor Blendenzwischenstufen. Dafür fehlt die 11, aber das sollte verschemerzbar sein.

Same old story, same old song: Mit zunehmend geschlossener Blende nimmt die Schärfe zu, eine Vignettierung gibt es kaum, und wenn, dann trägt sie zum Charme bei. Mit 4.0 kommt man gut rum, wenn man sowohl eine gewisse Schärfe als auch einen verschwommenen Hintergrund haben will. Was an diesen Testbildern nicht so eindeutig zu sehen ist: Dieses Objektiv neigt massiv zu chromatischen Abberationen, die dann in LR rausgerechnet werden müssen.

Soligor 200mm 2.8 – Pros und Cons

Pros

  • Es ist groß und schwer und wirkt unheimlich wichtig

Cons

  • Es ist groß und schwer und wirkt unheimlich albern.

  • Es ist aus der Hand gerade mit Offenblende kaum zu bändigen. Mit zunehmend geschlossener Blende wird es besser, aber war nicht die Offenblende einer der Gründe für den Kauf?


Drei lange manuelle Festbrennweiten im Vergleich – das Fazit:

Die Bilder zeigen es: Wenn man nicht gerade reinzoomt als gebe es kein Morgen – und wer das tut, fühlt sich hier wahrscheinlich ohnehin besser aufgehoben -, liefern alle drei Objektive – berücksichtig man Alter und die Tatsache, dass sie nicht für heutige Kameras gerechnet sind – ganz ordentlich ab. Mithilfe von Focus Peaking und der Lupenfunktion lassen sie sich auch bei der Offenblende von 2.8 einigermaßen scharf stellen; je weiter sich die Blende schliesst, desto geringer ist natürlich das Problem.

Hier trennt sich dann das praktische vom Angeberobjektiv: Mit dem Soligor 200mm ist es kaum möglich, mithilfe von Focus Peaking und der Lupe – und die braucht man zwangsläufig – sauber zu fokussieren und verwacklungsfrei zu fotografieren. Selbst bei einer Belichtungszeit von 750+ verreisst man das Bild dann eben doch recht häufig. Das Ding ist einfach zu schwer. Ob das ganze in der Landschaftsfotografie – mit Stativ und Blenden von 8 und mehr – anders funktioniert, kann durchaus sein. Nur gibt es eben kaum Dinge, die mich weniger interessieren als Hügel und Berge. 

Für das Porträt aus der Hand wären darum die beiden kleineren sicherlich geeigneter, für das Soligor spricht die etwas klarere Abbildungsleistung, für das Takumar die geringerer Größe. Und ich sage es gerne nochmal: Nein, es gibt hier KEINEN Bokeh-Vergleich. Am Ende also eine Abwägungssache, aber Angesicht des geringen Gewichtes ist es keine große Sache, beide mitzunehmen. 

Generell aber gilt für diese Objektive das, was an anderer Stelle schon gesagt wurde: Sie alle sind brauchbar und geben Bildern einen jeweils eigenen Touch, den man in der Post noch betonen kann. Mit ihnen zu arbeiten, erfordert jedoch Geduld und manchmal auch ein Stativ. Im Front-Einsatz würde ich darum weiterhin darauf verzichten, es sei dann, alle Beteiligten wissen, worauf sie sich einlassen. Aber das gilt ja für vieles.

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