Warum alte Objektive cool sind …

… und wo übertrieben wird. Wer sich in Fotoforen oder auf den entsprechenden Facebook-Gruppen herumtreibt, wird relativ schnell merken: Die Digitalkameras haben den klassischen Film zwar längst abgelöst, alte Objektive aus der Zeit der Analog-Fotografie verrichten aber weiter (oder: wieder) ihren Dienst – auch an teuersten Digitalkameras. Warum das so ist, was damit geht – und was nicht – wollen wir hier einmal kurz ansehen. Kurz heisst auch kurz. Die ausführliche Vorstellung einzelner Modelle inkl. Pros and Cons gibt es an anderer Stelle.

Alte Objektive sind billig.

Das stimmt. Zum Teil jedenfalls. Moderne Objektive, die für aktuelle Kameras gerechnet sind, und mit entsprechenden Zusatzfeatures wie einer internen Stabilisierung ausgestattet sind (IBIS – “In-Body Image Stabilization”), kosten nicht selten fast so viel wie eine aktuelle digitale Spiegelreflexkamera. Dies gilt insbesondere für lichtstarke Festbrennweiten.

Alte – und das bedeutet in der Regel auch: manuelle – Objektive kosten oftmals nur ein Bruchteil dessen. Für ein 50mm 1.7 von Porst zahlt man um die dreißig Euro, Portraitobjektive mit der klassischen Brennweite von 105 oder 135mm bewegen sich ebenfalls im zwei-, manchmal auch im dreistelligen Bereich. Allerdings: Es gibt gesuchte “Altgläser” (und das ist das erste und einzige Mal, dass dieser furchtbare Ausdruck hier zu lesen ist), die deutlich mehr kosten und den Preisbereich aktueller Objektive locker erreichen oder auch toppen. Und nicht immer scheint das dem Aussenstehenden nachvollziehbar, warum für ein altes, manuelles Objektiv nur aufgrund seines besonderen Bokehs mehrere hundert Euro ausgegeben werden. Der Markt scheint es zu rechtfertigen, und wenn man sieht, was Fotografen wie Falk Rothhaar mit den Gläsern anstellen, ahnt man, was sie können.

Der Zylinderblog: Die alten Objektive der Blauen Maschine
Was sich ansammelt. Kost’ ja wenig.

Es müssen aber eben nicht immer die teuren Objektive von damals sein, auch mit günstigen lässt sich gut und originell fotografieren, und das zu einem wirklich günstigen Preis. Um ein Beispiel zu nennen: Das Sigma 135 1.8 Art kostet neu je nach Angebot um die 1200,- Euro, ein Weltblick (das es allerdings nur bis 2.8 schafft), ist für den Bruchteil davon zu bekommen.


Tip 1: Vergesst die großen Namen

Auch mit günstiger Massenware, um die kein Kult gemacht wird, lassen sich coole Dinge anstellen.


Die passen nicht an moderne Kameras

Das ist Unsinn. Alte Objektive passen ohne weiteres an moderne Kameras, und zwar mittels eines Adapters, der die unterschiedlichen Bajonette ausgleicht. Im Fall der gebräuchlichen M42-Objektive ist das sogar noch einfacher, denn die haben nur ein Schraubgewinde, das mittels Adapter an die Kamera muss.

Einfacher wird dies ganze dann noch, wenn es um spiegellose Kameras gibt – hier gibt es auch keine Probleme mit dem Auflagenmass, und man muss auch keine Angst haben, sich den Spiegel zu zerkratzen.

Der Zylinderblog: M42-Adapter
M42-Adapter von K&F Concept

Adapter gibt es in unterschiedlichsten Preisklassen. Ganz ehrlich: Die günstigsten tun es in der Regel auch. Natürlich kann man einige Hundert Euro ausgeben, damit der Adapter irgendwelche Daten an die Kamera weitergibt. Doch diese Funktion klappt nicht bei allen Objektiven, und zudem wird in den meisten Fällen doch manuell gearbeitet – die Übertragung von Daten wie Blende etc. an die Kamera erübrigt sich damit.

Der Zylinderblog: Zwei Fuffziger im Vergleich
Zwei Fuffziger – zwei Gewichtsklassen

Und ein Vorteil sei hier noch erwähnt: Sie wiegen nur ein Bruchteil dessen, was Trümmer wie das 50er 1.4 Art von Sigma auf die Waage bringt, um nur ein Beispiel zu nennen. Man wird damit auf jeden Fall unauffälliger, was der eine oder andere “Street”-Fotograf zu schätzen wissen wird. Wenn da nur das Problem mit dem Focus nicht wäre …


Tip 2: Sparen Sie am Adapter

Lassen Sie sich nichts einreden. Arbeiten Sie manuell und geben Sie das Geld lieber für ein neues, lustiges Objektiv aus.


Alte Objektive sind nicht scharf

Das kann mit einem entschiedenen “Verglichen womit?” beantwortet werden. Lässt man sie gegen moderne Objektive antreten, genutzt an einer Kamera wie der Sony Alpha 7/III mit einem guten Autofocus bzw. Eye-AF, dann verlieren sie. Allerdings: Eine Funktion wie Focus-Peaking vorausgesetzt, lässt sich auch mit alten, manuellen Objektiven gut fokussieren. Dennoch wird man feststellen, dass die Schärfeleistung im Vergleich zu zeitgemäßen Objektiven in der Regel schlechter ist. Nur – das muss man nicht unbedingt merken, es sei denn man fotografiert gerne Siemens-Sterne, und davon ist generell abzuraten.

Hinzu kommt. Eine gewisse Unschärfe und die Kontrastarmut der alten Objektive führen zu einem Bildlook, der von vielen geschätzt wird und der mit modernen Objektiven nur erreicht wird, indem man die Bilder durch Lightroom oder eine andere Software schiesst und ihnen das Vintage-Flair in der Postproduktion verpasst. Kurz: Den Instagram-Filter können Sie sich bei vielen alten Objektiven sparen.

Freilich gibt es auch Objektive, bei denen das beste Focus-Peaking nicht mehr hilft. Das Ubsilon 28mm ist so ein Kandidat, bei dem von vorne herein klar ist: Den David-Hamilton-Bilitis-Look gibt es umsonst dazu. Den will man entweder haben, oder man schraubt sich ein anderes Objektiv auf die Kamera.


Tip 3: Nehmen Sie’s, wie’s kommt

Wenn das Objektiv eine Eigenheit hat – nutzen Sie sie, oder verkaufen sie das Ding.


Man kann mit ihnen ganz normal arbeiten

Auch hier gilt wieder: Kommt darauf an. Sie haben ein geduldiges Model, arbeiten für ein eigenes oder ein freies Projekt, in dem Sie die Eigenschaften der alten Objektive bewusst einsetzen und nutzen können, oder Sie haben einen Kunden, der genau das will – fein. Dann machen Sie das.

Der Zylinderblog: Die alten Objektive der Blauen Maschine
Manchmal findet man auch solche Lustigkeiten.

Wenn Sie aber vor Ort arbeiten, es um eine Reportage gehen soll, wo es auf den Moment ankommt – dann lieber Finger weg. Das manuelle Fokussieren unter Zeitdruck, und wir reden hier von Sekunden und nicht von Minuten, mögen einige beherrschen. William Mustafa ist so ein Fall – seine Bilder stimmen immer, auch mit manuellen Objektiven von früher. Ich selber traue mich das nicht. Selbst bei Portraitaufnahmen, bei denen die Zeit nicht immer eine so kritische Rolle spielt, habe ich zur Sicherheit immer noch ein modernes Objektiv dabei, um die “Brot und Butter”/”Auf der sicheren Seite”-Bilder zu machen.


Tip 4: Riskieren Sie nichts

Nehmen Sie die Objektive mit, bieten Sie dem Kunden den Look und Charakter der Aufnahmen an – und gehen Sie dann auf Nummer sicher.


Sie führen zu einem bewussten Fotografieren

Oder auch: Yabayaba. Wenn man die Zeit, die man zum Scharfstellen, zum Richten der Blende etc. braucht, als Phase der Bewusstseinserweiterung bewerten möchte – bitte sehr. Man kann aber auch jeden Prozess ins Metaphysische überhöhen.


Tip 5: Vorsicht bei Foto-Esoterik

Aber das gilt ja für alles.


Fazit

Alte Objektive erweitern den fotografischen Wortschatz, bieten Fotografieerfahrungen und -lernfelder für ein überschaubares Budget, und bringen oftmals einen eigenen Look mit. Ein Versuch sind sie auf jeden Fall Wert. Ob man sie auf den Sockel der Kreativität stellen muss, ist eine andere Frage.

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